Geistes- vs. Naturwissenschaften

Wer sich zur Wahl eines Studienfachs berufen fühlt, wird als Allererstes mit zwei Sorten Fragen konfrontiert. Die eine geht in die Richtung: „Bist du denn eher gut in Mathe? Oder in Deutsch?“ Die andere dreht sich darum, „was man mal werden will“. Das beginnt schon im Kindesalter und wird durch Wahlmöglichkeiten innerhalb der Schullaufbahn immer weiter zugespitzt – bis man sich entschieden hat: „Ich mach was mit Medien!“ Oder: „Ich mach was mit Computern!“ Also meist dann doch: Irgendwie Mathe und irgendwie auch Sprachen. Diese eigentümliche Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften kommt natürlich irgendwoher.

Funktionale Gesellschaft und Forschungsideale

Mit Fug und Recht lässt sich wohl behaupten, dass in den meisten Ländern die Hände nicht wissen, was der Kopf so macht. Aber auch umgekehrt. Das liegt unter anderem daran, dass es ausgeprägte theoretische Zirkel gibt und dann wiederum Umsetzungen von neuen Theorien und Techniken. Auf dem Weg dazwischen geht vieles aufgrund finanzieller Zwänge, Komplexitätsreduzierungen und unterschiedlicher Interessen in der Gesellschaft verloren.

Was aber für den Weg von der Theorie in die Praxis gilt, gilt ebenso für eine immer größer werdende Lücke zwischen Idealen und Notwendigkeiten. So kann schon in der Forschung und erst recht in der Umsetzung nicht jede Institution oder Firma alles so austesten, wie es die Theorie eigentlich verlangt. Aus Ressourcenmangel werden dann statistisch fragwürdige Online-Erhebungen oder sogar Kommentarspalten-Analysen durchgeführt, anstatt die tatsächliche Meinung der Bevölkerung zu erforschen. Solche Methoden verschärfen die weit verbreitete Ansicht, dass die Geisteswissenschaften eine „unexakte“, leicht manipulierbare Sparte sind. Nicht zu Unrecht, jedoch sind auch die Naturwissenschaften von Physik bis Molekularbiologie sicher auch nicht frei von Einflussnahmen, Wunschergebnissen und Wettbewerbsverzerrungen.

Erfolgszwang und Innovationsdruck

Was wiederum für regelrechte Empörung bei den Geisteswissenschaftlern sorgt, ist die oft vollkommen von gesellschaftlichen Konventionen freigestellt agierende Technikgläubigkeit und Auftraggeber-Unterordnung der Naturwissenschaftler. Die Haltung „Wir können es tun, also machen wir es“ hat nicht nur von Hiroshima bis Corona für humanitäre Katastrophen und ethische Krisen gesorgt, sie passt auch exakt zu neoliberalen anything goes-Ansätzen der Großkonzerne.